02.08.2015

Dr. Henning Scherf in Bad Reichenhall

Bild: scherf henning
Dr. Henning Scherf, der ehemalige Bremer Bürgermeister kommt gut an bei den Reichenhallern und macht Mut für das Alter.
Der ehemalige Bremer Bürgermeister über das Glück heute alt zu werden
Zusammen wohnen und kreativ leben

Bad Reichenhall. Wenn Henning Scherf in eine Versammlung kommt, macht er auf doppelte Weise Eindruck. Zum Einen durch seine Größe und zum Anderen, wie er gleich die Nähe zu den Menschen sucht. Er nimmt sich Zeit, geht an jeden Tisch, begrüßt dort jeden einzeln und tauscht ein paar Worte aus. Scherf will sein Publikum kennen, bevor er seine Rede beginnt. Wenn die Europastube des Bürgerbräu voll ist, dauert das, bis der SPD-Kreisvorsitzende Roman Niederberger schließlich die Veranstaltung beginnen kann. „Wie kann man die Chancen des Alters nutzen?“. Ein Thema, das langweilig scheint, aber in Reichenhall viel Interesse weckte. Auch Vertreter verschiedener Sozialverbände konnte Roman Niederberger begrüßen. Und Henning Scherf, der Zwei-Meter-Mann, ließ über das Alter keinen Zweifel aufkommen: „Da geht noch was“. Nur mitten hinein, dann können nach dem Arbeitsleben noch ganz neue Kapitel aufgeschlagen werden.

Dr. Henning Scherf war von 1995 bis 2005 regierender Bürgermeister der Hansestadt Bremen. Da wohnte er bereits in einer Wohngemeinschaft, die er 1988 mitbegründete und die heute als die berühmteste Alters-WG Deutschlands bezeichnet wird. Die guten Erfahrungen damit haben ihn zu einem Förderer dieser Idee gemacht. Das Modell empfiehlt er mittlerweile auch für die Zielsetzung einer „Pflegewohngemeinschaft“. Er habe verschiedene Varianten zum Teil wochenlang besucht, beraten oder miterlebt, so dass er sich diese Form bei einem eigenen Leiden vorstellen könne. Scherf ist ein Kritiker der „Pflegeindustrie“ und freut sich über die rasant wachsende Beliebtheit dieser Wohnform in selbstbestimmter Gemeinschaft. Es gibt Alternativen gegen Vereinsamung.

Mit seinen 76 Jahren will Scherf aber zunächst einmal seine Begeisterung über das Altern mitteilen. Einzig die Rentner werden mehr in der Gesellschaft und die Hundertjährigen haben die größten Zuwachsraten. Gesundheit und ausreichend finanzielle Mittel sind anders als früher auch im Alter weit verbreitet. Nach der Pflicht kommt der Genuss: „Die Arbeit hinter sich lassen und nur noch leben“. Welches Glück in einer solchen Zeit zu leben.

Als Beirat einer weltweiten Untersuchung über Menschen, die mehr als 110 Jahre alt sind, kennt er auch das Geheimnis. 840 Hundertzehnjährige habe man weltweit gefunden und allen sind zwei Dinge gemeinsam: Zum einen waren sie nie allein, jeder ist nach seiner Weise in Gesellschaft geblieben. Und zum anderen haben alle bis zuletzt etwas zu tun gehabt. Sie waren eingebunden mit einer Aufgabe. Selbst bei Demenz wurde ihnen vermittelt, dass sie dabei sind.

Beim Singen im Chor ist das Langzeitgedächtnis ohnehin von Vorteil. Henning Scherf ist seit 2005 ehrenamtlicher Präsident des deutschen Chorverbandes und mehr als hundert Mitglieder zählt der Chor, bei dem er selbst mitsingt. Die kreativen Potenziale, die in jedem drinstecken, könnten oft den Zugang zu Kontakten schaffen: Malen, Musik, Bücher oder Kultur, einfach alles ausprobieren, denn das hält einen am und im Leben.

Spätesten hier kommt, wie auch im Bürgerbräu, bei allen Versammlungen der Einwand, der Referent könne sich all diesen Luxus vom schönen Wohnen bis zu Kultur mit seiner Pension leisten. Doch was, wenn die Rente klein ist? Dass es eine Gerechtigkeitslücke im Alter gibt, sei ihm natürlich bewusst. Diese unfaire Verteilung muss verändert werden. Aber, so Scherf, auch Arme können sich beteiligen. Es gibt große Bereitschaft mitzumachen, auch über Arbeit, wie bei Tafeln, Suppenküchen für Obdachlose oder aktuell in Helferkreisen für Flüchtlinge. Und es stimmt auch nicht, zusammen wohnen sei nur etwas für Betuchte. In den Städten mit den horrenden Mieten wehren sich gerade Arme damit: „jetzt machen wir etwas gemeinsam“.

Auf die Kommunalpolitiker in den Städten und Gemeinden sieht Scherf viel Arbeit zukommen. Für das riesige Potenzial, das in den Alten steckt, gilt es Türen zu öffnen. Mehr als die Hälfte der Rentner wollen freiwillige Arbeit leisten. Für die Kreativität in Gruppen braucht es Angebote. Und das gemeinsame Wohnen ist eine Herausforderung für städtische Wohnbaugesellschaften. Hier sei zu seiner Freude schon vieles in Bewegung und in Bremen gibt es schon Leerstände in Pflegeheimen wegen der Konkurrenz durch Angebote von Alters-WG’s. Deutschlandweit sind es dreißigtausend Wohnprojekte und täglich würden 150 dazukommen.

Optimismus für das Alter, das will Henning Scherf in seinen vielen Versammlungen vermitteln. Und seine Botschaft ist, „wir machen das zusammen“.




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