01.06.2009

SPD-Ortsverein mit neuem Vorstand

Mit Dr. Wolf Guglhör als stellvertretendem Vorsitzenden und Wolfgang Kiehne als Schriftführer gehören nach der Jahreshauptversammlung zwei neue Mitglieder dem örtlichen Vorstand der Reichenhaller SPD an. Als ehemaliger Forstdirektor an der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft und Berater in der internationalen technischen Zusammenarbeit gilt Dr. Wolf Guglhör als engagierter Fachmann in Umweltfragen. Wolfgang Kiehne ist von Wiesbaden nach Bad Reichenhall zugezogen. Er hatte viele Jahre als enger Mitarbeiter von Kurt Beck und Holger Börner gearbeitet und war Landesgeschäftsführer für die SPD in Hessen und Rheinland-Pfalz. Inhaltlich referierte bei der Versammlung Wolf Guglhör zum Thema „Klimawandel und Kommunalpolitik“. Dabei sieht Guglhör neben den Gefahren, etwa durch Hochwasser der Saalach auch Chancen für den Urlaubsort Bad Reichenhall. So könnte der Kurort zum Ziel für die „Sommerfrische“ für hitzegeplagte Großstädter oder Urlauber aus südlichen Ländern werden. Nach dem Rechenschaftsbericht des Vorsitzenden Guido Boguslawski, der hauptamtlich für den VdK in rechtlichen und sozialen Fragen tätig ist, brachten die Neuwahlen keine Überraschungen bei den einzelnen Positionen im Vorstand. Guido Boguslawski wurde für 2 Jahre als Vorsitzender wiedergewählt, wie Elli Reischl als Kassiererin, Ulrich Scheuerl als Pressebeauftragter und Ilse Rothstein sowie Güldane Akdemir als Beisitzer für Frauen- bzw. Arbeitnehmerfragen in der SPD.

Der Klimawandel werde inzwischen als Tatsache anerkannt, meinte Wolf Guglhör bei seinem Fachvortrag. Selbst prominente Klimaskeptiker wie George W. Bush – von seinem Nachfolger nicht zu reden - würden heute nicht nur die Erderwärmung anerkennen, sondern auch die Hauptursache, nämlich die Verbrennung fossiler Energieträger wie Kohle und Erdöl. In der Kommunalpolitik sei das noch kaum angekommen und auch im Berchtesgadener Land gebe es nach wie vor viele Kommunalpolitiker, die den Klimawandel bestreiten und in Beschneiungsanlagen, Straßen und Spaßbäder mit Warmwasserbecken investieren. Sie würden von Energiesparen reden aber bei jeder Entscheidung das Gegenteil tun, so Guglhör. An Verantwortungsbewusstsein und zukunftsfähigem Handeln seien sie da von den meisten Bürgern längst überholt.

Für die weltweite Erwärmung würden von den internationalen Expertengremien übereinstimmend mindestens 2 Grad Erwärmung vorausgesagt – wenn der CO² - Ausstoß
bis 2030 oder spätestens 2050 halbiert wird. Damit könnte Bad Reichenhall noch gut leben! Wintersport spielt ohnehin eine sehr geringe Rolle, im Gegensatz zu konkurrierenden Orten in der Umgebung, die darunter schwer leiden könnten. Im Vergleich zu Mittelmeerländern könnten die Alpen für die Deutschen attraktiver werden, auch für Gäste aus heißen Ländern könne das auch künftig gemäßigte Klima zur Attraktion werden.

Kann man sich also beruhigt zurücklehnen? Sicher nicht, denn die Bayerischen Alpen haben sich in den vergangenen Jahrzehnten doppelt so stark erwärmt wie der weltweite Durchschnitt. Davon müsse man auch in Zukunft ausgehen. Auch von den CO²-Einsparungen, die Voraussetzung für eine begrenzte Erwärmung sind, sei bislang nichts in Sicht. Im Gegenteil, gerade in der Kommunalpolitik würden ständig Maßnahmen ergriffen, die den Ausstoß von Klimagasen erhöhen. Und neueste Ergebnisse der Klimaforschung würden zeigen, dass viele Prozesse des Klimawandels sich selbst verstärken und viel rascher ablaufen als bislang angenommen. Beispiele sind die alpinen Gletscher und das Polareis.

Sollte aber die aktuelle Erwärmung 5 Grad noch überschreiten, seien die Auswirkungen unkalkulierbar. Für Bad Reichenhall ergebe sich das vor allem durch die Saalach. Stadtheimatpfleger Johannes Lang beschrieb kürzlich „das ungeheure Glück, an einem Gebirgsfluss zu liegen“. Das könnte sich aber auch zur Katastrophe wandeln.

Die Saalach hat zwar kein vergletschertes Einzugsgebiet wie Salzach oder Inn, wo im Verlauf des Abschmelzens mit dem Ausbruch von Schmelzwasser und Wechsel von extremen Hoch- und Niedrigwasser zu rechnen sei. Vielmehr sei fast das gesamte Einzugsgebiet bewaldet, also bislang durch mehr oder minder stabilen Bergwald vor Hochwasser und Erosion geschützt. Bei 2 ° Erwärmung dürfte sich daran auch nicht viel ändern, vorausgesetzt der Waldumbau und die natürliche Verjüngung von Tanne und Laubbäumen würde rasch genug den unvermeidlichen Ausfall der Fichte ausgleichen. Die sei hauptsächlich eine Frage der Begrenzung des Wildverbisses.

Für 5 ° und mehr durchschnittliche Erwärmung bleibe aber die Wissenschaft zwangsläufig jede Prognose der Waldentwicklung schuldig. Das entspreche einem Anstieg der Vegetationszonen um etwa 800 m, wobei vor allem fraglich ist, was unten nachrücken könnte. Es würde sich ja nicht nur die Temperatur ändern, sondern auch die Niederschläge mit ihrer Verteilung übers Jahr. Daher könne nicht ausgeschlossen werden, dass viele Einhänge zur Saalach und ihren Zubringern mit ihren seit der Eiszeit angehäuften Lockermassen ihre schützende Vegetation verlieren. Verstärkt durch Felsstürze in den Hochlagen durch auftauenden Permafrost, könnten Erdrutsche die Gewässer anstauen. Bei plötzlichen Dammbrüchen würden gewaltige Hochwasser und Schlammlawinen entstehen. Dann könnte sich die Saalach ihr altes Bett zurückholen, das bekanntlich von der Alten Saline bis zur Rupertustherme reichte. Für die Reichenhaller blieben nur mehr die Hochterassen um Nonn, wo schon unsere Vorfahren seit der ausgehenden Steinzeit auf Wasser, Schlamm und Kies der Saalach herunterschauten. Was die nächsten Generationen wohl in einem solchen Fall rückblickend von der Kommunalpolitik unserer Tage halten würden? Nicht in ferner Zukunft, sondern in 20 oder 50 Jahren.

Bei der Frage Klimaschutz in Städten wie Reichenhall werde häufige eingewendet, dass Maßnahmen ohnehin wirkungslos seien. In München könne man 50mal mehr tun, in China das tausendfache von München. Das sollte jedoch, so der Referent, nicht daran hindern, mit gutem Beispiel voranzugehen. Nur mit weltweiter Solidarität könne man eine Herausforderung wie den Klimawandel meistern.

Was heißt das konkret für die Reichenhaller Politik:
1. Zu erhalten, was von der Villen- und Parkstadt Bad Reichenhall noch vorhanden ist. Der in den letzten Jahrzehnten rasante Umbau in baumlose Plattenbau-Siedlungen müsse aufhören. Große schattenspendende Bäume seien künftig für das Kleinklima unverzichtbar, abgesehen von optischen und emotionalen Wirkungen. Neue Anlagen dürften nicht mehr in die Parks und Waldränder gesetzt werden, auch nicht auf die „grüne Wiese“, solange es ungenutzte Altbauten gebe.
2. Thermische Sanierung der kommunalen Gebäude, Förderung für private Wohnhäuser
3. Senkung des CO² - Ausstoßes pro Kopf, auch wenn Reichenhall durch den hohen Anteil von Strom aus Wasserkraft bereits gut dasteht.
4. Verzicht auf zusätzliche Straßen, Lenkung und Verlagerung des Verkehrs, Ausbau des öffentlichen Verkehrs und Schienenverkehrs.
5. Verzicht auf „Events“ und vieles mehr.

Die kommunalpolitische Kunst für alle Parteien werde es sein, so Dr. Guglhör, die Maßnahmen zum Klimaschutz nicht als Verzicht, Verlust und Kostenfaktor zu verstehen. Vielmehr würden Energiekosten eingespart, Investitionen zu Gunsten des örtlichen Handwerks und Handels erfolgen, Fehlinvestitionen und Verschuldung vermieden, die Lebensqualität für die Bewohner nachhaltig verbessert. Die Attraktivität für Touristen würde durch Erholung ohne Hitzestress erheblich gesteigert. Ein geringer Energieverbrauch auch im Urlaub könne künftig zu einem wesentlichen Alleinstellungsmerkmal werden. Dafür biete Bad Reichenhall die besten Voraussetzungen, mit guter Erreichbarkeit mit Bahn, problemlosen Verzicht aufs Privatauto, vielen Freizeitaktivitäten ohne nennenswerten Energiebedarf.

Bad Reichenhall habe immer noch eine gute Ausgangsposition, durch einen begrenzten Klimawandel zu gewinnen. Je heißer die Sommer, desto attraktiver die vorhandenen Bademöglichkeiten und das schattige Wanderwegenetz, Parks und Baumbestände, das kühle Gradierhaus, die Predigtstuhlbahn nicht mehr zum Sonnenbaden sondern um auf einer kühlen Terrasse zu sitzen.




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