01.05.2010

Auch wenn Mittelschule draufsteht, ist Hauptschule drin

Die Kreis-SPD des Berchtesgadner Landes kritisiert die sogenannte „neue Mittelschule“ als Etikettenschwindel. Weil die Schülerzahlen an den Hauptschulen zurückgehen und immer mehr Schulstandorte von der Schließung bedroht seien, rette sich die bayerische Staatsregierung in eilig genehmigte Schulverbünde. Diese Verbünde von Hauptschulen, die letztlich nur das Türschild „neue Mittelschule“ bekommen, sind nach Meinung der SPD nur ein Festhalten an einer rückständigen Schulpolitik. Fortschritte in der Bildungspolitik könnten nach Meinung der SPD nur erzielt werden, wenn die Dreigliedrigkeit zu Gunsten eines zweistufigen Systems aufgehoben wird und die Schüler länger gemeinsam lernen. Die Mittlere Reife sollte zum Regelabschluss werden und an allen Schulstandorten müsste den Kommunen die Einführung von Ganztagsschulen ermöglicht werden. „Durch die Schulverbünde, wie sie jetzt im BGL wie in ganz Bayern vorangetrieben werden, wird keines der bildungspolitischen Probleme in Bayern gelöst“, kritisierte der SPD-Kreisvorsitzende Roman Niederberger bei der SPD-Kreisversammlung zu diesem Thema. Trotzdem hätten viele sozialdemokratische Kommunalpolitiker den Verbünden vor Ort zustimmen müssen, um zumindest einige wenige Verbesserungen für ihre Schulen durchzusetzen und um deren Bestand vorläufig zu sichern. „Das Zähneknirschen bei diesen Abstimmungen hätte man eigentlich bis nach München hören müssen“, so Roman Niederberger

Hans Metzenleitner, der SPD Fraktionsvorsitzende im Kreistag, erläuterte die Entwicklung mit den seit Jahren schwinden Schülerzahlen an praktisch allen bayerischen Hauptschulen. Grund hierfür ist nicht nur der Rückgang der Kinder pro Jahrgang, sondern mehr noch die immer höheren Übertrittsquoten an Gymnasien und Realschulen bereits nach der 4. Grundschulklasse. Zu wenige Eltern wollen ihre Kinder noch auf die Hauptschule schicken, weil ihr Ansehen zu schlecht ist. Mit der flächendeckenden Einführung der sechsstufigen Realschule vor einigen Jahren brachen alle Dämme, sodass den Hauptschulen jetzt endgültig die Rolle des „hässlichen Entleins“ in der bayerischen Schullandschaft zukommt, so Hans Metzenleitner.

Besuchten vor 10 Jahren Bayern weit noch 42 Prozent eines Schülerjahrgangs eine Hauptschule, so sind es jetzt gerade mal noch knappe 30 Prozent, mit stark fallender Tendenz. 42 Prozent besuchen jetzt das Gymnasium, das sich mehr und mehr zur eigentlichen „Volksschule“ entwickelt. Dies sei unter bildungspolitischen Gesichtspunkten grundsätzlich nicht beklagenswert. Nur müsse man sich dann nicht wundern, wenn bereits in den vergangenen Jahren nach der von der bayerischen CSU-Regierung beschlossenen Abschaffung sämtlicher Teilhauptschulen auch eine Reihe von Hauptschulen schließen mussten und viele weitere in ihrem Bestand bedroht sind. Angesichts dieses eindeutigen Trends und erheblichen politischen Drucks von Seiten der Kommunalpolitik zog das Kultusministerium nun die Reißleine und erarbeitete in Windeseile das Konzept der Schulverbünde – aufgehübscht durch eine begriffliche Aufwertung der Hauptschule zur Mittelschule.

Aber auch wenn Mittelschule draufsteht, ist noch immer Hauptschule drin, so Hans Metzenleitner. Trotz der vereinzelten M-Züge biete auch die künftige Mittelschule als Standardabschluss den qualifizierenden bzw. den einfachen Hauptschulabschluss. Und auch der Bestand der anfänglich sehr gut angenommenen Mittlere-Reife-Züge ist in Gefahr, da dieser erst mit der 7. Klasse beginnt und die meisten qualifizierten Schüler bereits längst auf der Realschule oder am Gymnasium sind. Die von der CSU-Staatsregierung auf Biegen und Brechen eingeführte sechsstufige Realschule war der Anfang vom Ende einer leistungsstarken Hauptschule: „Ein paar Förderstunden mehr und ein neues Etikett werden daran nichts ändern!“ Eine Weiterentwicklung der Hauptschulen in Mittelschulen könne nur gelingen, wenn die dort erworbenen Abschlüsse tatsächlich von den Eltern und den Ausbildungsbetrieben als gleichwertig zu den jetzigen Realschulabschlüssen angesehen werden und die Schüler gleiche Erfolgsaussichten in der Fachoberschule haben. Die Lehrer und Eltern hegen aber daran Zweifel, weil alle bisherigen Versuche, die Hauptschule aufzuwerten, auch schon an diesen Ansprüchen gescheitert seien. Als wichtigen Ansatz zur Förderung aller Schüler auf ein höheres Bildungsniveau und speziell auch für die von zu Hause aus benachteiligten Kinder, hält die SPD die flächendeckende Einführung von Ganztagsschulen für erforderlich. Ohne Ganztagesschule sei das ehrgeizige Ziel eines mittleren Bildungsabschusses für alle nicht erreichbar.

Einen weiteren Aspekt der jetzt beschlossenen Schulverbünde kritisierte die stellvertretende SPD-Kreisvorsitzende Isabella Zuckschwerdt. „Die ohnehin klammen Gemeinden können sich jetzt schon auf höhere Kosten für die Schülerbeförderung einstellen – und die Kinder auf längere Fahrtzeiten“, so die Laufener Stadträtin.

Für die SPD bleibt es trotz „Mittelschulen“ im Kern bei der Aufteilung zehnjähriger Kinder in unterschiedliche und wenig durchlässige Schultypen. Das Bayerische Schulsystem sei auch zukünftig gekennzeichnet durch Aus- und Abgrenzung statt durch Integration. Eine echte Reform für ein dauerhaft gesichertes wohnortnahes und kindgerechtes Schulangebot erfordere allerdings, so die SPD, das Schlachten einer bayerischen heiligen Kuh. Auch Bayern müsste sich demnach, wie beispielsweise das PISA-Siegerland Sachsen, von dem strikt dreigliedrigen Schulsystem verabschieden und „eine Mittelschule auf den Weg bringen, die ihren Namen auch verdient“, so Metzenleitner.





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